60.000 Watt und 400 Quadratmeter je Lichtanlage
Dann geht es mit klaren Schritten weiter Richtung Spielfeld. Grün und Gelb strahlt es, grün vom Rasen, gelb von den Lichtern. Die sechs Beleuchtungsanlagen mit einer Fläche von jeweils 440 Quadratmetern erzeugen ein fast unwirkliches Licht. Tag und Nacht beleuchten und wärmen sie den Rasen aktuell. Jede Anlage verfügt über 60 Lampen mit jeweils 1.000 Watt Leistung, insgesamt 60.000 Watt – und das gleich sechsmal. Starkstromkabel verbinden die Anlagen auf dem Spielfeld mit einem erst auf den zweiten Blick sichtbaren Verteilerkasten unweit der überdachten Sitzreihe, auf der die Trainer und Spieler der „Fohlen“ an Spieltagen Platz nehmen.
„Betreten des Stadionrasens verboten!“, steht in dicken Großbuchstaben auf einem Schild, wo sonst die Eckfahne steht. Van de Flierdt hält eine Sprühflasche in der Hand. Wir dürften den Rasen ausnahmsweise betreten, aber erst nachdem die Schuhsohlen desinfiziert sind. Pilzsporen und krank machende Bakterien, die dem Rasen schaden könnten, werden so effektiv ferngehalten. „Das gilt übrigens auch für die Profis“, erläutert der Greenkeeper. „Beim Einlaufen passieren sie eine mit Desinfektionsmittel getränkte Matte.“
Schlepper fördert Ergonomie, Effizienz und Sicherheit
Der Greenkeeper läuft voraus, die mächtigen Beleuchtungsanlagen schon im Blick. Routiniert entfernt van de Flierdt das armdicke Kabel von der ersten Anlage und verstaut es sicher neben der Coaching-Zone. Dann koppelt er die Anlage von der Nachbaranlage ab, geht zum Kopf der Anlage, klappt eine Deichsel herunter und hakt diese am Aufnehmer des Alitrak-Movers ein.
Fast unmerklich und ohne einen Ton von sich zu geben, setzt sich das kleine Kraftpaket wenig später in Bewegung – und mit ihm die riesige, vielarmige Anlage. Van de Flierdt geht ganz locker, ohne jegliche Kraftanstrengung vor dem Gerät her und lenkt Schlepper sowie Anlage mehrere Meter Richtung Nordkurve. Er scheint genau zu wissen, wo er hin muss. Ein kurzer Blick nach links und rechts, dann stoppt er das Gespann, entkoppelt die Anlage vom kleinen Mover und klappt die Deichsel wieder hoch. Dann geht er zur nächsten Anlage, um auch diese ein Stück weiter vorzusetzen.
Mit den vorhandenen sechs Einheiten kann jeweils ein Drittel des Platzes beleuchtet werden. „Das heißt, wir fahren immer drei Steps“, so der Greenkeeper. „Jeden zweiten Tag werden die Anlagen versetzt, so dass nach sechs Tagen jede Rasenpartie 48 Stunden lang versorgt wurde.“ Muss zudem der Rasen gemäht werden, was mehrmals pro Woche geschieht, erhöht sich der Aufwand noch. Dann müssen die Lichtanlagen jeweils bis zur Spielfeldmitte geschoben und anschließend entsprechend des Beleuchtungsplans wieder strategisch verteilt werden.
Würden keine Beleuchtungsanlagen eingesetzt, müsste der Rasen jede Saison ein- oder zweimal komplett ausgetauscht werden. Stückpreis: 130.000 Euro. Dank der „Lichttherapie“ hält der Rasen hingegen mehrere Jahre. Im Juli 2025 wurde im Borussia Stadion erstmals ein so genannter Hybridrasen verlegt, der voraussichtlich sechs bis zehn Jahre halten dürfte. Dabei wurde der Naturrasen mit Kunstrasenfasern verstärkt.
Christian van de Flierdt kniet sich auf das Grün und sucht mit den Fingern nach den kaum wahrnehmbaren Kunststofffasern. „Da, hier sind welche“, ruft er schließlich, während er sie rundherum leicht freilegt und die Fasern zur Verdeutlichung sachte in die Höhe zieht. „Alle zwei Zentimeter befinden sich zwölf Kunststofffasern. Sie geben dem Rasen deutlich mehr Halt, es entstehen nicht mehr so große Löcher und der Ball rollt besser.“ Stitching heiße das aufwändige Verfahren, bei dem eine Maschine tagelang den Kunstrasenanteil in den Boden stitcht. Hybridrasen mit einem 5-prozentigen Kunstrasenanteil seien in der Bundesliga inzwischen Standard. Nur noch vier Vereine spielten auf reinem Naturrasen, so der Greenkeeper.
Hochprofessionalisiert und digitalisiert
Dann holt van de Flierdt sein Smartphone aus der Tasche. In einem Ordner auf dem Start-Bildschirm befindet sich ein gutes Dutzend Apps rund um die Rasenpflege. Mit einer App werden die Beleuchtungsanlagen an- und ausgeschaltet, über eine weitere kann der Greenkeeper jederzeit und von überall her kontrollieren, ob die Lichter auch wirklich an sind. Sie zeigt ihm die Live-Bilder mehrerer Videokameras, die unter dem Dach des Stadions verbaut und auf den Rasen gerichtet sind.
Ebenso wichtig: eine App, in der die Feuchtigkeitswerte der Rasenfläche zusammenlaufen. Gerade macht der Dauerregen der vergangenen Tage zu schaffen. „Um das überschüssige Wasser zu binden, haben wir Sand auf den Rasen aufgebracht“, erklärt Christian van de Flierdt das gelegentliche gelbliche Schimmern zwischen den grünen Halmen. „An mehreren Punkten messen wir permanent den Feuchtigkeitsgehalt des Bodens“, sagt er und öffnet die entsprechende App. „Ist es zu trocken, beregnen wir“, sagt er und startet zur Verdeutlichung per Fingertipp kurz einen der im Platz verbauten Wassersprenger. „Ist es zu nass, müssen wir anderweitig gegensteuern.“ Ziel sei ein Feuchtigkeitsgehalt von 27 bis 28 Prozent des Rasens.
Außerdem werde seit vielen Jahren sehr stark auf Pflanzenstärkung in granulierter und flüssiger Form gesetzt, was die Widerstandsfähigkeit des Rasens gegen Pilzerkrankungen sehr fördere.
Akku hält 3 bis 4 Wochen
Wenn Mitte März die Beleuchtungszeit zu Ende geht und die Sonne genügend natürliches UV-Licht in das Stadion bringt, ziehen an ihrer Stelle riesige Ventilatoren ein. Auch hier tun es nur die besonders großen Geräte. Vierzehn jeweils zwei Meter hohe Ventilatoren stehen dann an den beiden Spielfeldseiten verteilt und sorgen dafür, dass der nächtliche Tau aus dem Stadion bzw. vom Rasen transportiert wird. „Täten wir das nicht, wäre das ungefähr so, als würde man nach dem Duschen das Badezimmer nicht lüften“, so van de Flierdt. Das 35 Meter hohe Dach des Stadions und die den Rasen umgebenden Ränge verhinderten einen natürlichen Abtransport der Feuchtigkeit, da es kaum natürliche Windbewegungen im Stadion gibt.
Doch so weit ist es heute noch nicht. Aktuell haben die Ventilatoren Pause, während die Beleuchtungsanlagen rund um die Uhr im Einsatz sind, damit das Grün auch im Winter regelmäßig wächst und der Ball gut rollt. Nach getaner Arbeit bringt Christian van de Flierdt den Alitrak-Schlepper zurück in den kleinen Technikraum. An der Wand daneben hängen die Geräte zur manuellen Rasenpflege. Fast wie beim Hobbygärtner zuhause.
Eine letzte Frage: Wenn der Schlepper so oft im Einsatz sei, müsse er doch sicherlich oft geladen werden, oder?
Oft? Nein, nein, der Akku halte trotz des häufigen Einsatzes drei bis vier Wochen, so der Greenkeeper. Auf Fußball-Deutsch also gut zwei Heimspiele lang.